Arbeitsschwerpunkte

Vorläufige Arbeitsschwerpunkte

Eine  umfassende  Aufarbeitung der Fragen sozialer Ungleichheit ist aufgrund der Vielfältigkeit an Ansätzen und der Omnipräsenz der Thematik kaum möglich. Jegliche Beschäftigung mit diesem Themenfeld verbleibt daher in der einen oder anderen Weise unvollständig und fokussiert auf bestimmte  Aspekte. Als erste Arbeitsschwerpunkte haben sich die Themenfelder „Epistemologische und methodologische Grundlagen der Ungleichheitsforschung“, „Kulturkonsum und soziale Ungleichheit“ sowie „Stadt und soziale Ungleichheit“ herauskristallisiert.

Stadt und soziale Ungleichheit

Die Stadt als soziales Gefüge ist einer der Kristallisationsorte sozialer Ungleichheiten und stellt die Stadtentwicklung und Politik vor große Herausforderungen. Deshalb möchten wir uns in einem Arbeitsschwerpunkt eingehend damit befassen.

Soziale Ungleichheit, also die Unterschiede in den Verfügungsmöglichkeiten über gesellschaftlich relevante Ressourcen, manifestiert sich im urbanen Raum in der Distribution von sozialen Gruppen über das Stadtgebiet und drückt sich in der sozialräumlichen Differenzierung in Form von Segregation aus.

Das Spannungsfeld zwischen sozialer Ungleichheit und räumlichen Strukturen muss jedoch von zwei Seiten analysiert werden. Einerseits stellt sich die Frage, wie Ungleichheitsstrukturen im Stadtraum abgebildet werden und sich verorten, andererseits ist auch einzubeziehen, wie der „Stadtraum“ gruppenspezifische Lebenslagen beeinflusst und verändert. Die Stadt ist als Spiegel der Sozialstruktur demnach sowohl Produkt als auch Ort der Differenzierung, die auf dem sozialen Wandel hin zu einer postindustriellen Gesellschaft basiert. Um soziale Konflikte zumindest abzufedern, muss eine Stadt jedoch auch ein gewisses Maß an Integrationsfähigkeit gewährleisten können. Das Verhältnis von Differenzierung und Integration ist ein permanenter Aushandlungsprozess, aus dem unterschiedliche Paradigmen der stadtsoziologischen Ungleichheitsforschung resultieren. Je nach Blickwinkel kann soziale Ungleichheit als Gefahr für die „Integrationsmaschine Stadt“ oder – im Sinne gesellschaftlicher Pluralisierung – als Voraussetzung für Urbanität betrachtet werden.

Basierend auf den vorangegangenen Prämissen wird sich dieser Schwerpunkt der Sektion „Soziale Ungleichheit“ mit Thematiken wie Segregation, dem Spannungsfeld zwischen sozialer Ungleichheit und Urbanität, Gentrifizierung, der Ungleichverteilung von stadtspezifischen Umweltbelastungen, dem Kampf um den öffentlichen Raum, der Stadt als „Integrationsmaschine“, Fragen der Architektur in Verbindung mit Macht, Inklusions- und Exklusionsmechanismen, dem Recht auf Stadt und dem damit in Verbindung stehenden symbolischen Kampf sowie mit brisanten Fragen aus dem Bereich der Stadtplanung auseinandersetzen.

Veranstaltungen des Arbeitsschwerpunktes:

6.12.2011 Podiumsdiskussion zu Öffentlichem Raum und sozialer Ungleichheit im Museumsquartier, Raum D, Quartier für digitale Kultur, Organisation: Cornelia Dlabaja und Florian Huber

September 2012 Workshop Urbane Raumproduktionen im Rahmen des urbanize Festivals, Organisation: Cornelia Dlabaja, Carmen Keckeis, Florian Huber

6.12.2012 Panels zu Stadt, Raum und Sozialer Ungleichheit bei der Sektionstagung – Tagung Die gespaltene Gesellschaft” (Uni Linz), Moderation: Cornelia Dlabaja, Jens Dangschat, mit Beiträgen u.a. von Korinna  Lindinger, Florian Huber, Jens Dangschat

2013 Panel (Un)Sichtbare Exklusionsprozesse im urbanen Raum im Rahmen der ÖGS Tagung, Moderation Carmen Keckeis, mit Beiträgen u.a. von Florian Huber, Cornelia Dlabaja, Jens Dangschat

 

Soziale Ungleichheit und Sozialpolitik

Soziale Ungleichheit und Sozialpolitik stehen schon immer in einem engen Bezug. Dies hat zum einen damit zu tun, dass Sozialpolitik in den Wohlfahrtsstaaten selbst ein zentraler Faktor sozialer Stratifikation (Reorganisation/-produktion von Klassen- und Geschlechterverhältnissen, Ethnisierung sozialer Rechte etc) ist. Zum anderen wird Sozialpolitik von verschiedenen gesellschaftspolitischen Kräften als Möglichkeit gesehen, illegitim verstandene Formen sozialer Ungleichheit zu minimieren oder gar zu überwinden. Einerseits kann Sozialpolitik die sozialen Verhältnisse ändern, dass die ihr zu Grunde liegenden sozialen Ungleichheiten aufgelöst und gesellschaftliche Veränderungen durchgesetzt werden. Andererseits kann sie darauf abzielen, die bestehen sozialen Ungleichheiten zu stabilisieren und aufrecht zu erhalten, indem sie nur Auswirkungen der sozialen Ungleichheit lindert.

Ökonomische Transformationsprozesse, soziodemographische Veränderungen, der Wandel der sozialen Ideen, der kulturellen Werte, der Strategien von Parteien und nicht zuletzt der veränderte Umgang mit den Interessensgegensätzen in einer Gesellschaft haben in den letzte Jahrzehnten zur Umgestaltung des Sozialstaats und der Wohlfahrtspolitik geführt.

Dementsprechend stellt sich immer wieder die Frage nach dem Verhältnis von sozialpolitischen Maßnahmen und der (Re-)Produktion bzw. der Eindämmung sozialer Ungleichheitsverhältnisse. Gerade in Bezug auf die sogenannte „Krise des Wohlfahrtsstaates“ steht die Rolle der Sozialpolitik im Zentrum der Aufmerksamkeit: Inwiefern ist diese „(Mit-)Schuld“ an den gegenwärtigen fundamentalen Transformationsprozessen von Wohlfahrtstaaten? Inwiefern werden politische Handlungsspielräume in Zeiten veränderter Machtverhältnisse und in einem Wechsel der vorherrschenden Ideologie eingeengt?

Seit dem Ende des „goldenen Zeitalters“ scheinen Wohlfahrtsstaaten einem ständigen Wandel unterworfen zu sein. Dabei werden unterschiedliche und oft widersprüchliche Ziele verfolgt: Die Abdeckung neuer Risiken, die Inklusion neuer Gruppen, die Erhöhung der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft, die langfristige Sicherung des gegenwärtigen Solidarsystems oder dessen Infragestellung und die Forderung nach der Einführung der privaten Vorsorge. Im Hinblick auf den Um- und Abbau der Sozialpolitik fehlt oft eine sozialwissenschaftliche Reflexion, die dominierende Ideologien und Interessen in gesellschaftlichen Auseinandersetzungen hinterfragt. Vergleiche zwischen Staaten, innerhalb einzelner Politikfelder und zwischen diesen sowie über die Zeit hinweg ermöglichen die Analyse wohlfahrtsstaatlicher Politik hinsichtlich der Schaffung, Aufrechterhaltung oder Reduktion von sozialer Ungleichheit.

Im Spannungsverhältnis zwischen sozialer Ungleichheit und Sozialpolitik ergeben sich innerhalb des Arbeitsschwerpunkts der Sektion folgende Analysefelder: Zuerst einmal stellt sich die Frage nach den Ursachen sowie den Ausprägungen und Auswirkungen sozialer Ungleichheit im Bereich der Sozialpolitik. Nicht jede Form der sozialen Ungleichheit zieht sozialpolitische Maßnahmen nach sich. Welche soziale Ungleichheiten werden als soziales Problem von Gesellschaft, Wissenschaft und politischen Akteur/innen artikuliert und welche nicht? Des Weiteren sollen sozialpolitische Maßnahmen, deren Planung, Durchführung und gesellschaftliche Auswirkungen untersucht werden. Gleichwohl geht es auch um sozialstaatliches Handeln und andere Formen von Interventionen, die soziale Probleme lösen möchten oder die Gesellschaft in Bezug auf soziale Fragen einem Wandel unterwerfen. So eröffnet sich eine Verbindung zu anderen Bereichen der Soziologie, wie etwa Beschäftigung, Bildung, Devianz, Gender, Gesundheit und Migration, und zu anderen Sozialwissenschaften, wie Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre.

Aufgrund der gegenwärtigen gesellschaftlichen Krisenerscheinungen und des sozialen Wandels werden die Möglichkeiten der Sozialpolitik, soziale Ungleichheit zu reduzieren, wieder vermehrt in Frage gestellt. Gegenwärtig werden neue Formen von Armut und verstärkte Schließungsprozesse gesellschaftlich attestiert, wodurch sowohl die Sozialwissenschaften/Soziologie als auch sozialpolitisches Handeln herausgefordert sind. Daraus ergibt sich dann eine Reihe von Analysefeldern, die für die Sektion von Bedeutung sind.

Veranstaltungen des Arbeitsschwerpunktes:

6.Dezember 2012: Tagung Die gespaltene Gesellschaft“ (Uni Linz)

 

Epistemologische und methodologische Grundlagen der Ungleichheitsforschung

Einen ersten Arbeitsschwerpunkt soll die Auseinandersetzung mit den Grundlagen der Ungleichheitsforschung bilden. Soziale Ungleichheit wird aktuell durch verschiedene Zugänge erschlossen. Die Bandbreite reicht vom Messen „objektiver“ Indikatoren (z.B. Bildung, Beruf oder Einkommen) in der klassischen Sozialstrukturanalyse bis hin zur Untersuchung der subjektiven Bedeutung sozialer Ungleichheit auf der Ebene der AkteurInnen. Damit verbinden sich unterschiedlichste epistemologische, methodologische und methodische Herangehensweisen mit verschiedenen und teils  widersprüchlichen Konsequenzen für die Erforschung sozialer Ungleichheit. In diesem Spannungsfeld gilt es, die unterschiedlichen Ansätze und entgegengesetzten Positionen miteinander in Beziehung zu bringen, die daraus entstehenden Widersprüche sichtbar und für eine Diskussion fruchtbar zu machen.

Einen besonderen Fokus möchten wir auf die Rolle von Subjekten in der Konstruktion, (Re-) Produktion und Verstetigung sozialer Ungleichheit legen. So hat Ungleichheit jenseits der „objektiven“ Dimension auch stets eine Komponente des subjektiven „Erkennens“ und der individuellen Bearbeitung von sozialen Unterschieden. Diese Problematik verweist auf die klassische soziologische Debatte um die Frage nach der Bedeutung und des Verhältnisses von „Struktur“ und „Handlung“. Dabei hat die je nach epistemologischem und methodologischem Ansatz vorgenommene Deutung von Ungleichheit als Struktur- oder Handlungselement weitreichende Konsequenzen etwa für die praktische Bearbeitung sozialer Konflikte. Wir möchten im Besonderen die Rolle von Subjekten in den unterschiedlichen Ansätzen der Ungleichheitsforschung in den Blick nehmen.

Veranstaltungen des Arbeitsschwerpunktes:

22.11.2011 Workshop zu Intersektionalität mit anschließendem Vortrag von Prof. Max Haller zu „Sozialen Klassen im ethnisch heterogenen Milieu. Zur Erklärung der Einkommensungleichheit im internationalen Kontext.

Kulturkonsum und soziale Ungleichheit

Ein weiterer Schwerpunkt richtet sich auf die Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang von kulturellem Konsum und sozialer Ungleichheit in der Gegenwartsgesellschaft. Seit jeher spielt die Frage nach den Interdependenzen von sozialstrukturellen Faktoren und kulturellen Verhaltensweisen eine zentrale  Rolle in der soziologischen Ungleichheitsforschung: Zum einen lässt sich untersuchen, welchen Einfluss die soziale Lage auf die Ausprägung spezifischer Konsummuster hat und damit verbunden, inwiefern Konsum z.B. von „Hochkultur“ als Mittel zur Demonstration sozialer Superiorität eingesetzt wird; zum anderen gilt danach zu fragen, ob kultureller Konsum selbst  strukturbildende Effekte zeitigt. Ein besonderes Anliegen der Sektionsarbeit stellt die Anknüpfung an aktuelle Debatten (1) unter besonderer Berücksichtigung allfälliger Desiderate der Kulturkonsumforschung (2) dar.

Ad 1:  Aktuelle empirische Befunde deuten darauf hin, dass gängige Beschreibungs- und Erklärungsmuster der Struktur und Logik gegenwärtiger Kulturkonsumpraktiken nur unzureichend gerecht werden. Während die Homologie-These davon ausgeht, dass Kulturkonsum vor dem Hintergrund einer gesellschaftlich anerkannten Trennung von „Hoch- und Popularkultur“ der Reproduktion von sozialen (Ungleichheits)Strukturen dient,  weisen Entstrukturierungsansätze auf eine zunehmende Entkopplung von sozialer Position und kulturellen Präferenzen hin.  Jenseits dieser beiden gegensätzlichen Annahmen, die in den letzten Jahrzehnten den soziologischen Diskurs geprägt haben, richten aktuelle Studien ihren Fokus auf neue Arten der Grenzziehung, die sich im Zuge gesellschaftlicher Transformationsprozesse herausgebildet haben:  So wurde im Umfeld der US-amerikanischen Kultursoziologie ein Konsummuster identifiziert, dessen Distinktionspotential weniger in einer exklusiven Hochkulturorientierung als vielmehr in einer „demonstrativen“ Toleranz begründet ist. Termini wie „Omnivorousness“ bezeichnen Formen symbolischer Grenzüberschreitung, die als eine Art „kulturelles  Kapital“ fungieren. Welche Rolle dieses Kapital in Prozessen der Reproduktion sozialer Ungleichheit spielt, ist Gegenstand aktueller Debatten, die im Rahmen unserer Sektionsarbeit diskutiert und mitunter fortgeführt werden sollen.

Ad 2:  Die Erforschung des Zusammenhangs von Kulturkonsum und Sozialstruktur ist durch eine Fokussierung auf die sozialstrukturellen Merkmale soziale Herkunft, Bildungsniveau und Beruf gekennzeichnet. Bislang nur unzureichend beachtet  wurden Kategorien wie Religion und Ethnizität – diese sollen im Rahmen des Schwerpunkts „Kulturkonsum und soziale Ungleichheit“ besondere Aufmerksamkeit erhalten. In einem ersten Schritt soll danach gefragt werden, wie sich soziale und kulturelle Grenzziehungsprozesse unter den Bedingungen voranschreitender Transnationalisierung gestalten. Zu untersuchen gilt z.B. welche Rolle Kulturkonsum in migrantischen Communities spielt, aber auch welche Bedeutung ethnisch kodierte Produkte für Angehörige der sogenannten Mehrheitsgesellschaft hinsichtlich der Aufrechterhaltung oder Transformation sozialer Grenzen haben.

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2 Kommentare

  1. […] Forschungs- und Arbeitsfeldern eine große Bedeutung zu, so auch in der Stadtforschung. Im Schwerpunkt Stadt und soziale Ungleichheit werden soziale Ungleichheiten in urbanen Kontexten aus einem interdisziplinären Blickwinkel […]

  2. Mag. Helmut Höpflinger · · Antwort

    Mein besonderes Interesse gilt der von Euch als Arbeitsschwerpunkt formulierten Fragestellung, die unterschiedlichen Ansätze und entgegengesetzten Positionen (bei der theoretischen Erfassung des Phänomens soziale Ungleichheit) miteinander in Beziehung zu bringen, die daraus entstehenden Widersprüche sichtbar und für eine Diskussion fruchtbar zu machen. Weiters finde ich einen sehr relevanten Aspekt die Rolle von Subjekten in der Konstruktion, (Re-) Produktion und Verstetigung sozialer Ungleichheit sowie der Komponente des subjektiven „Erkennens“ und der individuellen Bearbeitung von sozialen Unterschieden, die Ihr ebenfalls theoretisch aufarbeiten wollt.

    Ich wäre grundsätzlich daran interessiert, bei dieser Aufarbeitung mitzumachen und würde um Information darüber ersuchen, welche praktischen Möglichkeiten dazu bestehen.

    Mit besten Grüßen

    Mag. Helmut Höpflinger

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